Es ist nicht ausgeschlossen, dass eine Mehrheit der deutschen Gesellschaft – wenn man sie verbindlich darüber abstimmen lässt – die Existenz vieler Menschen auslöschen würde. Das ist ein harter Satz, den ich bewusst so formuliert habe. In den vergangenen Jahren habe ich des Öfteren über Polizeigewalt gegen psychisch erkrankte Menschen berichtet. Es handelt sich um Fälle, bei denen sich Patient*innen in psychischen Ausnahmesituationen entweder selbst Schaden zufügen oder andere verletzen wollten. Es handelt sich dabei um tragische Schicksalsschläge, komplizierte Lebensläufe, oft spielen auch Drogenabhängigkeit und Obdachlosigkeit wesentliche Rollen. Zu oft enden diese brenzlichen Situationen tödlich – für die psychisch Erkrankten. In unzähligen Kommentaren, egal ob auf sozialen Medien, von prominenten Vertreter*innen des „Law and Order“-Lagers oder von Angesicht zu Angesicht bei meinen Lesungen aus meinem neuen Buch Alles nur Einzelfälle? Das System hinter der Polizeigewalt bekomme ich die Rückmeldung: Gut, dass sich die Polizei um dieses Problem kümmert – und wir diese Leute endlich los sind.
Fassungslos kann man zur Kenntnis nehmen, dass Menschen böse sein können, gewaltvernarrt, kaltherzig, gnadenlos. Kämpferisch kann ich allerdings auf unzählige Forschungsergebnisse und die Analyse der kritischen Kriminologie bei diesen Gesprächen verweisen: Fürsorge bringt mehr Sicherheit für alle. Eine bessere Gesundheitspolitik, eine solidarische Wohnungspolitik, mehr Verständnis und Geduld, Investitionen in die soziale Arbeit, Hilfe für Geflüchtete und einen mobilen sozialpsychiatrischen Dienst würden in vielen Fällen Abhilfe schaffen.
Sie würden die Gesellschaft nicht nur sicherer machen, einige urbane Räume weniger angsteinflößend, diese Maßnahmen, die viel weniger als die Aufrüstung des staatlichen Gewaltmonopols kosten, würden dafür sorgen, dass viele hilfs- und schutzbedürftige Menschen noch leben würden: Mouhamed Dramé aus Dortmund, Mohamed Idrissi aus Bremen, Antje P. aus Mannheim, Medard Mutombo aus Berlin, sie könnten alle noch am Leben sein. Die Liste der Namen dieser Traueranzeige ist leider sehr lang.
Ich habe mich aktiv darum bemüht, diese Perspektive in einem Mainstream-Medium zu veröffentlichen. Als freier Journalist, der regelmäßig für große Medienhäuser schreibt, ist es eigentlich Routine, immer ein Plätzchen für meine Recherchen und Gedanken zu finden. Doch bei dem Thema, Menschen in psychischen Ausnahmesituationen nicht oder nicht nur mit Gewalt zu begegnen, hat mir der Zeitgeist bisher einen Strich durch die Rechnung gemacht: Wir leben in einer Ära der Gewaltverherrlichung. Nun konnte ich diese mir so wichtige Perspektive kompakt an dieser Stelle kundtun. Das stimmt mich etwas versöhnlich, denn es gibt sie doch: Räume, in denen nicht die irrationale Gewalt sondern der Journalismus, die Differenzierung und die Menschlichkeit im Mittelpunkt stehen.
Mohamed Amjahid
wurde 1988 in Frankfurt am Main geboren. Bis zum Abitur besuchte er die Schule in Marokko. In Berlin und Kairo studierte er Politikwissenschaften und forschte an verschiedenen anthropologischen Projekten in Nordafrika. Schon während des Studiums arbeitete er als Journalist, unter anderem für die Frankfurter Rundschau und den Deutschlandfunk. Amjahid volontierte nach seinem Master-Abschluss beim Tagesspiegel in Berlin. Danach arbeitete er als politischer Reporter für die Wochenzeitung Die Zeit und das Zeit Magazin. Für seine Bücher Unter Weißen und Der weiße Fleck hat Amjahid viel Aufmerksamkeit erhalten. Er lebt in Berlin.