Lesezeichen: Ronald Fricke

Das Bild zeigt ein verschwommenes Auge.
© Diane Picchiottino on Unsplash

Du siehst
von Ronald Fricke

Du siehst; aber du willst nicht sehen. Du hockst vor dem Fenster in diesem Hof. Du hast dich hineingeschlichen. Eine Mauer überwunden. Du kauerst. Du lauerst.  Du spähst zwischen die Gitterstäbe in den Kellerraum hinein. Nichts im Leben hat dich auf dieses hier vorbereitet. Nichts. Jetzt bist du da und siehst. Du willst nicht sehen. Aber dein Auge, es sieht. Dann willst du den Kopf wegwenden. Du willst aufspringen und wegrennen. Weg. Aber dein Auge, es bleibt haften. Als hätte es sich von deinem Willen gelöst. Der Mann an der Wand ist festgekettet. Du glaubst das Rasseln der Ketten zu hören. Oder ist es das Röcheln des Mannes? Du willst es nicht sehen, aber du siehst das Blut. Das Blut läuft über sein Gesicht. Der andere Mann trägt eine Kapuze mit Augenschlitzen. Er hat ein Messer in der Hand. Du musst weg. Du musst weglaufen. Du musst weg. Aber dein Auge sieht immer noch. Schließe die Augen. Jetzt. Mach sie verdammt nochmal zu. Du hörst die Musik. Sie kommt von oben. Männer grölen. Der Mann mit der Kapuze tritt an den Gefangenen heran. Du siehst; aber du willst nicht sehen. Der Mann windet sich an der geweißten Kellerwand. Seine Arme kleben an der Wand, sind ausgestreckt, so wie jemand, der aufgibt. Der um Erbarmen bittet. Ist in seinen Augen nicht ein Flehen? So hast du ihn noch nie gesehen. Du musst etwas tun. Du musst Hilfe holen. Du musst ihm helfen. Schlage gegen das Fensterglas. Du siehst; aber du darfst nicht sehen. Was ist jetzt das Schlimmste? Das Messer in der Hand. Der erstickte Schrei hinter dem Knebel. Seine geweiteten Augen. Das Messer. Das Auge. Das Messer. Das Auge. Der Blick. Du siehst; aber du willst nicht sehen. Er hat dich gesehen. Er hat gesehen, wie du siehst. Du rennst. Du kletterst über die Mauer. Du siehst seinen Blick. Der Blick deines Vaters. Reiß dir die Augen raus!


Ronald Fricke
© privat

Ronald Fricke

wurde in der Bremer Neustadt geboren. Er studierte Germanistik und Philosophie an der FU Berlin. Aus seiner Magisterarbeit über E.T.A Hoffmann entstand sein erster Roman Hoffmanns letzte Erzählung. 2008 bekam er das Bremer Autor*innenstipendium, im Jahr 2023 gewann er den Bremer Literaturwettbewerb (ausgeschrieben vom KellnerVerlag). Er lebt heute in Worpswede und schreibt unter anderem Kriminalromane, Autofiction und historische Romane. Im April feiert sein Kriminalroman Der Tote im Borgward Bremer BuchPremiere.

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